Ich war ein kleines vierjähriges Mädchen, als meine Reise in die Tanz-Welt begann. Ich war so schüchtern, dass meine Mutter entschieden hat, dass sie etwas dagegen unternehmen will. Sie nahm mich bei der Hand und zeigte mir eine ganz neue Welt der Bewegung und der Musik: Ballett-Stunden. Zu Beginn war jedoch nicht alles eitle Wonne. Die nächsten sechs Monate verbrachte ich damit, komplett im Ballett-Outfit gekleidet, am Boden zu sitzen und die anderen beim Ballett-Training zu beobachten. Ich entwickelte schnell ein Gefühl und eine Leidenschaft für Tanz und die Musik, aber ich war so schüchtern und traute mich nicht, am Unterricht teilzunehmen. Eines Tages schließlich packte mich der Mut und ich tanzte im Unterricht mit. Von diesem Moment an war mein Leben erfüllt von Tanz und Musik. Bald darauf zog ich mit einer professionellen Ballettschule, dem Petit Ballett, in eine fremde Stadt und ich konnte jeden Tag meiner Leidenschaft nachgehen.
Ich hatte das Glück, dass mich meine Familie immer unterstützt hat. Meine Eltern, Brüder und Verwandten waren bei meinen Vorstellungen immer in der ersten Reihe und haben mich angefeuert. Meine Familie hat mich aber auch regelmäßig an meine schulischen Verpflichtungen erinnert, denn meine Noten mussten passen, um mir meinen Traum, professionelle Tänzerin zu werden, erfüllen zu können. Ballett war alles für mich!
Im Jahr 1995 wurde meine harte Arbeit bei einem Wettbewerb belohnt. Ich war damals 14 Jahre jung und gewann ein sechs-monatiges Stipendium an der Ballettschule des Wiener Staatsopernballetts. Um mir das Leben in einem neuen Land, in einer neuen Stadt zu erleichtern, begleitete mich meine Mutter für die ersten drei Monate. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich. Alles war neu, das Essen, das Wetter, die Sprache und das Schlafzimmer teilte ich anfangs mit Fremden. Ich vermisste mein Zuhause und meine Familie, aber ich gab nicht auf. Mein Ziel war es, besser zu werden.
Aus sechs Monaten in Wien wurden schließlich Jahre. Ich machte meinen Abschluss und war dann 13 Jahre lang Mitglied des Ballett-Ensembles der Wiener Staatsoper. Dort hatte ich die Ehre, mit renommierten Choreographen wie Renato Zanella, Stepahn Thoss, Jiri Kylián und William Forsythe zu arbeiten sowie vielen großartigen Direktoren welche mich immer an meine Grenzen gebracht haben. Jeder neue Direktor und Choreograph war eine neue Herausforderung. Ob krank oder gesund, ob ich Schmerzen hatte oder nicht, ich war da, und sobald der Vorhang aufging ergab sich eine neue Chance, eine neue Herausforderung, ein neuer Tag. Ich habe alles getanzt, angefangen von Gruppen über Solos bis hin zu Pas de deux. Ich liebte es, in den verschiedenen Stücken wie zum Beispiel der Nußknacker, Giselle, Schwanensee oder Dornröschen immer andere Charaktere darzustellen und das Publikum in eine Fantasiewelt und Träume zu entführen.
Eines Tages hatte ich einen Unfall auf der Bühne und alles kam anders als geplant. Die Ärzte versuchten alles Menschenmögliche, doch die Operationen und Physiotherapie änderten leider nichts an der Tatsache, dass ich mir eingestehen musste, dass es die kleine Ballerina, die ich aus Leidenschaft war, nicht mehr gab. Ich war am Boden zerstört und dachte, alles verloren zu haben. Ich fand mich jedoch nach einiger Zeit in einer anderen Rolle wieder. Ich lernte wie man Ballett lehren konnte und wurde zum einen Ballettlehrerin und zum anderen die Choreographische Assistentin an der Ballett Akademie der Wiener Staatsoper.
An meinem ersten Tag als Ballettlehrerin sah ich in meiner Klasse ein kleines schüchternes Mädchen, genauso wie ich es selbst früher war – ruhig, mit Augen, die ständig die Umgebung beobachten, bereit mitzumachen, aber viel zu ängstlich. Und plötzlich war alles ganz klar und hell, wie die wärmenden Sonnenstrahlen nach einer eiskalten Nacht in unzähligen Tagen nach dem Unfall: Unterrichten. Damit werde ich weitermachen!
Das ist meine Geschichte. Von Brasilien nach Wien, von einem schüchternen kleinen Mädchen zur Ballettänzerin auf der Bühne. Meine Name ist Rafaella Sant’Anna und ich bin sehr weit gegangen, um jetzt andere Tänzer auf ihrem Weg anzuleiten. Das ist meine Mission. Das ist mein Leben.